Presseschau: Stuttgarter Zeitung, 29. Mai 2008
Die stellvertretende Bundesvorsitzende der FDP, Cornelia Pieper, fordert neue Wege in der Bildungspolitik
Am Wochenende findet in München der Bundesparteitag der FDP statt. Die Liberale Cornelia Pieper plädiert für ein bundesweites Zentralabitur und mehr Stipendien. Mit ihr sprach Marcus Sander.
Frau Pieper, das deutsche Schulsystem ist ungerecht. Was schlagen Sie vor, um mehr Chancengleichheit zu erreichen?
Bildung ist der Schlüssel zur Chancengerechtigkeit. Wenn wir in Deutschland von der sozialen Auslese wegkommen wollen, müssen wir frühzeitig mit Bildung beginnen, schon im Kindergarten. Dazu sind eine bessere Ausbildung der Erzieher und bundesweite Qualitätsstandards nötig.
Also lernen statt spielen im Kindergarten?
Nein. Aber Kinder sollen bereits beim Spielen lernen und erste Fähigkeiten beim Rechnen und Lesen erlangen. Wir brauchen verbindliche Spracheingangstests, um rechtzeitige Fördermaßnahmen zu ermöglichen. In deutschen Schulen sind besonders Kinder aus Migrantenfamilien immer noch benachteiligt. Um in der Schule mitzukommen, braucht man einfach gute deutsche Sprachkenntnisse. Zunehmend haben übrigens auch deutsche Kinder dabei Schwierigkeiten.
Die FDP will nur zwölf Jahre Schulzeit. Sind das nicht olle Kamellen?
Stimmt. Die FDP fordert das seit 18 Jahren - und völlig zu Recht! Denn wir haben europaweit in Deutschland die ältesten Studienabgänger. Der Schnitt liegt bei circa 28 Jahren. In Frankreich und England sind sie in der Regel schon mit 24 Jahren fertig. Das ist für die jungen Akademiker und für die Gesellschaft ein großer Wettbewerbsnachteil.
Haben Sie kein Verständnis für die Lehrer und Schüler, die über die Belastungen durch G 8 klagen?
Doch, natürlich. G 8 kann aber gelingen, wenn sich die Schulorganisation und die Unterrichtspläne entsprechend verändern. Blockstunden, exemplarischer Unterricht und ein vernünftiges Nachmittagsangebot sind dafür Stichworte.
Wollen Sie ein bundesweites Zentralabitur?
Ich persönlich ja, jedenfalls auf längere Sicht. Wir brauchen vergleichbare Schulabschlüsse in Deutschland. Ich weiß aber, dass das auch in der FDP unterschiedlich gesehen wird. Ich halte nichts davon, dass es 16 unterschiedliche Ansichten gibt, wenn es um Schulabschlüsse und Unterrichtsinhalte geht.
Die FDP fordert in Schulen eine bessere Vermittlung von wirtschaftlichem und unternehmerischem Handeln. Soll nur die Wirtschaft bestimmen, wo es langgeht?
Nein, natürlich nicht. Aber wir müssen unsere Kinder zu viel mehr Eigenverantwortung und Selbstständigkeit erziehen. Das befähigt sie am besten, später ihren eigenen Weg zu gehen, ihre Familie zu ernähren, eine Arbeit zu finden. Dazu sind Wirtschaftskenntnis und der Kontakt mit unternehmerischem Denken nötig. In deutschen Lehrbüchern gibt es kaum mal einen Bäckermeister, Bauunternehmer oder einen freien Architekten als Beispiele. Meistens kommen bei den dargestellten Erwachsenen Berufe des öffentlichen Dienstes oder Angestellte vor. Damit habe ich Probleme. Es gibt zu wenig Wirtschaft in deutschen Schulen. In meiner Schulzeit war es normal, dass man alle zwei Wochen einen Tag in einem Betrieb verbracht hat.
Sie sind in Halle aufgewachsen. Was kann die Bundesrepublik von der DDR lernen?
Wenn wir in der Bundesrepublik nach 1989 mehr von der Erfahrung der DDR-Bürger, gerade auch beim Thema Krippen, übernommen hätten und die Lebensleistung der Erzieher und Lehrer der DDR mehr gewürdigt hätten, wäre heute die Linke nicht so stark. Tatsache ist, dass vieles von dem, was damals im Osten richtig war, wie der Bildungsauftrag des Kindergartens und die zwölfjährige Schulzeit, 1990 verpönt und übereilt abgeschafft wurde. Jetzt erleben wir, dass manches davon, etwa Schulhorte und die Ganztagsbetreuung, wieder eingeführt werden.
In der DDR gab es eine starke Beschäftigung mit der Theorie der Ökonomie.
Ich weise aber darauf hin, dass zu DDR-Zeiten diese Theorien und der Unterricht stark ideologisiert waren. Das ändert nichts daran, dass man heute viel mehr für die Förderung betriebswirtschaftlicher Kenntnisse tun muss. Wir brauchen wirtschaftskundliche Unterrichtsinhalte verbindlich an allen Schulen.
Wie will die FDP von dem Ruf wegkommen, nur eine Partei der Besserverdienenden und der Leistungsträger zu sein?
Wir sind eine Partei für alle Bürger und wollen nicht nur Menschen ansprechen, die ein dickes Portemonnaie haben. Die beste Voraussetzung für soziale Gerechtigkeit sind hervorragende Bildungschancen für alle. Das ist unser besonderes Anliegen. Wir stehen für den Ausbau der Stipendien. Unser Modell: der Staat zahlt einen Euro drauf für jeden Euro, den die Wirtschaft spendet. Ich wünsche mir, auch in der FDP, wieder mehr Mut, Bildung neu zu denken. Ziel muss sein, jedes Kind individuell zu fördern, damit wir auch als Gesellschaft im globalen Wettbewerb bestehen können.